Das Stadtregal ist ein gemeinsames Projekt von Studierenden der Architektur­ und Stadtplanung in Kooperation mit sozialen Initiativen aus Stuttgart. Im Rahmen des Reallabors für nachhaltige Mobilitätskultur bauen wir eine temporäre Installation am Österreichischen Platz. 


Standort 

Das Stadtregal unter der Paulinen Brücke in Stuttgart steht auf der Fläche von drei Parkplätzen am Österreichischen Platz. Der Österreichische Platz ist eine ehemalige Parkfläche, die zur Zwischennutzung als interaktives Experimentierfeld vom Verein Stadtlücken gepachtet wird. 

Das Stadtregal soll einen kritischen Diskurs zum kontroversen Thema anregen: Wem gehören diese „neuen Flächen“ mitten in unserer Stadt und wer hat das Recht die neuen Nutzungen zu gestalten?  Haben Architekten und Stadtplaner die soziale Aufgabe, diese Räume für alle neu zu denken? 


Konzept 

Das gemeinsame Projekt der Studierenden der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart befasst sich mit dem Diskurs, mittels einer temporären Installation am Österreichischen Platz. 

Im Zuge der Mobilitätswende distanzieren wir uns mehr und mehr vom Konzept der autogerechten Stadt und nehmen wieder den Menschen als Maß für unsere Planung. Das bedeutet einerseits, dass die bis jetzt von Autos besetzen Flächen, mehr und mehr frei werden – Parkplätze, die bis jetzt für ein Auto und eine Privatperson zu Verfügung standen, können nun für andere Mobilitätsarten und somit für mehrere Bürger zu frei nutzbaren Flächen werden. 

Wir sehen die große Umstellung unserer Mobilitätskultur nicht nur als Notwendig­keit, sondern vielmehr als Chance um neue Werte zu schaffen und zu etablieren. Gleichzeitig dient diese Wende einer Optimierung der Aufteilung des öffentlichen Raums und soll bezüglich der sozialen Gerechtigkeit zum Nachdenken anstoßen. Das Stadtregal ist hierbei ein Grundgerüst im öffentlichen Raum, welches als System dessen Nutzern die Möglichkeit bietet, den Raum ihren Anforderungen entsprechend zu gliedern und zu gestalten. Dieser Prozess wird hierbei durch im Stadtregal festintegrierte Träger aus der Zivilgesellschaft unterstützt.





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Realisierung

Zunächst startete der Bau des Stadtregals nur in Räumen der Universität. Hier wurde uns ein Raum zur Verfügung gestellt, in dem wir das gelieferte Holz lagern und bearbeiten konnten. Die einzelnen Elemente wurden vormontiert und vor Umzug an den Österrichischen Platz nochmal probeweise in der Universität aufgebaut. Die Wandrahmen wurden vor Ort zuerst aufgestellt und im Boden verankert. Nun konnte alle Wandtafeln- und paneele eingehängt und verschraubt werden. Nachdem das Stadtregal komplett aufgebaut war, musste lediglich noch Strom verlegt werden. Insgesamt benötigte das Projekt ca. 5 Wochen Aufbauzeit.


Reaktionen

Was passiert hier eigentlich?

Die rhetorische Frage vom Verein Stadtlücken hängt gut sichtbar an der Tübinger Straße. Doch die Frage ist berechtigt. Auch Passanten stellen sich oft diese Frage, wenn sie am Platz vorbeikommen und sich wundern was die unterschiedlichen Objekte auf dem Platz eigentlich sind. Wir haben die Reaktionen deswegen auch in unterschiedlichen Projektphasen aufgenommen, um auch einen Unterschied in den Reaktionen feststellen zu können. Im folgenden sind diese Untersuchungszeiträume in Voranalyse, Aufbauphase und seit der Eröffnung unterteilt.


Voranalyse

Für unsere Voranalyse haben wir uns an drei Tagen der Woche zu vier Zeiten Reaktionen und Wege von Passanten aufgenommen. Speziell haben wir Montags, Donnerstag und Samstags zu 4 über den Tag verteilten Stunden am Platz beobachtet. Die Tage und Uhrzeiten haben wir so gewählt, um einen möglichst großen Querschnitt über die Woche beobachten zu können. Häufige Reaktionen am Platz betreffen den Bereich direkt an der Tübinger Straße. Passanten, die sich auf der Straße zwischen Marienplatz und Königstraße bewegen, bleiben häufig unter dem Schriftzug stehen und mustern anschließend die Veranstaltungsplakate. Ab und an gingen Passanten auf den Platz und laßen den Text, der an der Hütte angebracht war, durch. Die visuelle Präsens erregt Aufmerksamkeit unter den Passanten.



Erkenntnisse 

Vergleicht man die Ergebnisse der jeweiligen Platzanalysen, (Vor- und nach Stadtregal) so kann man einen Wandel in der Nutzung und Frequentierung des Platzes erkennen. Vor dem Aufbau lassen sich vor Allem viele Passanten verzeichnen, welche sich jedoch kaum am Platz aufhalten. Lediglich die Tischtennisplatte zieht hin und wieder ein paar junge begeisterte Stuttgarter an, welche sich zu einer Runde dort treffen. Die mit Bauzaun abgetrennte Boulderwand vermittelt noch wenig Offenheit, dominiert den Platz jedoch aufgrund ihrer Größe. Die „alteingessenen“ Obdachlosen, welche sich auf dem Platz regelmäßig in einer 15er-Gruppe zur Mittagszeit treffen, halten sich vor Allem an den Sitzgelegenheiten auf und zeigen wenig Interesse am sonstigen Angebot der Installationen. 

Kurz: der Platz wirkt sehr introvertiert und außer zur Mittagszeit und bei Veranstaltungen kaum frequentiert. Das Angebot an Freizeitaktivitäten ist zwar vohranden, jedoch wird das Potential des Platzes noch nicht voll ausgeschöpft. Das Stadtregal soll diese Lücke nun schließen.


Vier intensive Wochen später ist es dann endlich soweit, das Stadtregal steht auf dem östereichischen Platz. In seiner Größe und im Auftreten scheint es vorerst unscheinbar, doch bereits beim Aufbau zeigen sich viele Interessenten. Um die Erkenntnisse bezüglich der neuen Installation am Platz klar aufzeigen zu können, muss man vorerst in Platzwirkung und Nutzungsintensität unterscheiden. In Bezug auf Ersteres, lässt sich ein klarer Wandel erkennen: Nicht nur das Stadtregal, sondern auch die Boulderwand, stehen nun jedem Passanten offen zur Verfügung, das lockt sehr viele Interessenten an. Aus dem Platz wurde eine Agglomeration von unterschiedlichsten Nutzungen für verschiedenste Nutzer. Nun scheinen nicht nur stuttgarter Studenten den Platz aktiv zu nutzen, sondern auch zufällige interessierte Passanten. Der Platz gewinnt an Vielfalt. 

In Bezug auf die Nutzungsintensität, gibt es durch das Stadtregal nun mehr Veranstaltungen und Anlässe durch welche der Platz von größeren Gruppen bespielt wird, auch tagsüber, v.A. zur Mittagszeit ist ein deutlicher Zuwachs an Besuchern erkennbar. Waren zuvor nur etwa 15 Leute gleichzeitig auf dem Platz, so sind es nun weit über 30. Das Zusammenspiel der Installationen scheint gut zu funktionieren. Vor Allem die neuen Sitzgelegenheiten (außen Boulderwand und Bank Stadtregal) werden im Alltag viel in Anspruch genommen. Auch abends steht der Platz nun nicht mehr leer, es treffen sich viele junge Menschen zwischen Boulderwand und Stadtregal. Ob der starke Wandel nun ausschließlich auf die neuen Nutzungen zurückzuführen ist, bleibt jedoch fraglich, da auch das Wetter deutlich angenehmer wurde. Trotzdem darf man annehmen, dass mit dem Stadtregal der Platz an Qualität und Attraktivität gewonnen hat.


Methoden und Datenerhebung

Um den Erfolg des Stadtregals greifbar machen zu können war  es wichtig, im Vorhinein Ziele zur Beobachtung auszuformulieren und diese dann mithilfe von Zahlen, Daten und Fakten darzustellen.

Wie untersuche ich soziale Interaktionen? Wie untersuche ich die Nutzung des Stadtregals? Welche Hilfsmittel stehen uns zur Verfügung? Wie beurteile ich den Erfolg oder Misserfolg des Stadtregals. All diese Fragen mussten geklärt  und Ziele ausformuliert werden, bevor die Beobachtung starten konnte.

Dazu gab es einen Workshop, indem wir eine Auflistung aller Erfolgskriterien zusammengetragen haben (siehe Abbildung).

Außerdem wurden uns die verschiedenen Methoden vermittelt. 

Im nächsten Schritt mussten die Erfolgskriterien zu positiven Sätzen umformulieren und unter uns Seminarteilnehmern aufteilen, sodass sich jeder teilnehmer nur auf eins der Erfolgskriterien konzentrieren muss. 

Im Anschluss wurde ein Fragebogen und ein Beobachtungsbogen erstellt, der uns helfen sollte Daten zu erheben. Generell haben wir die Beobachtung in 2 Teile aufgeteilt. Zum einen gibt es die Voranalyse. Hierbei wurde der Platz untersucht bevor das Stadtregal aufgebaut wurde, um die Ausgangssituation zu erfassen. Währrend der Bauphase wurde keine Beobachtung durchgeführt, sondern erst wieder, als das Stadtregal aufgebaut war. Durch die Voranalyse konnte ein direkter Vergleich aufgestellt werden, wie sich die Situation auf dem Platz durch  das Stadtregal verändert hat.


Generell lief die Beobachtung so ab, dass an 3 Tagen der Woche (Montag, Donnerstag und Samstag) an jeweils 4 unterschiedlichen Uhrzeiten (9:00-10:00Uhr, 12:00-13:00Uhr, 18:00-19:00Uhr und 23:00-24:00Uhr)  mindestens 1 Person vor Ort war und den vorher erstellten Beobachtungsbogen innerhab dieser einen Stunde ausgefüllt hat. Es wurde festgehalten: Wie viele Personen sich auf dem Platz aufgehalten haben, wie viele nur darübergelaufen sind, was sie gemacht haben…

Im Allgemeinen werden die Beobachtungen durch Fotografien und persönliche Kommentare gestützt und ergänzt.


Die Analyse wurde nach Fertigstellung nochmals durchgeführt, aber mit einem Zusatzbogen, der speziell auf die Nutzung des Stadtregals eingeht und weitere Bereiche abdeckt. Da die reine Beobachtung nicht ausreicht, um alle zu untersuchenden Bereiche abzudecken, wurde zusätzlich noch ein Fragebogen erstellt, der zum Ziel hat, die Meinung/ Reakion der Nutzer abzufragen. Wird das Stadtregal als Mehrwert empfunden? Wie wird es wahrgenommen und könnten die Nutzer sich vorstellen, das Stadtregal an einem anderen Platz zu nutzen.

Da sich persönliche Empfindungen der Nutzer schlecht beobachten lassen, gibt es den schriftlichen Fragebogen, der am ÖP ausgelegt werden kann, um unterschiedliche Meinungen einzufangen.


Im weiteren Schritt findet noch die Auswertung statt. Dabei werden alle erhobenen Daten im Bezug auf die jeweiligen Erfolgskriterien ausgewertet und grafisch aufbereitet, damit die Erkenntisse mit unserer Analyse belegt werden können.